Liebes Inselvolk – heute vor einer Woche war ich im Reisefieber und auf dem Weg nach München – zum VERZAUBERT Queer Film Festival. Und ich habe 4 wundervolle Filme für Euch im Gepäck, die unterschiedlicher nicht sein könnten und mein München-Wochenende zum Highlight des Frühjahrs gemacht haben.
Hearbeats – Herzensbrecher / LES AMOURS IMAGINAIRES
Der Eröffnungsfilm des Festivals erzählt die Geschichte um zwei Freunde, die um die Gunst des coolen und charismatischen Nick kämpfen. Wer wird gewinnen? Die vintageverrückte, intellektuelle Mary – oder der schüchterne Francis mit seiner Abweisungen zählenden Strichliste an der Badezimmerwand? Nick verteilt seine Gunst scheinbar gleichmäßig und die zwei bisher so sicheren In-People verfallen ihm mehr und mehr. Wird diese Freundschaft die Zerreißprobe bestehen? Gibt es in diesem Catfight der besonderen Art überhaupt Gewinner?
Heartbeats schildert auf ziemlich typische Art des französischen Films eine leise, nervenaufreibende Geschichte mit eingängigem Soundtrack, künstlerischem Schnitt und sanfter Bildgestaltung – unterbrochen durch Erzählungen über Trennungen und Herzschmerz. Gerade eine dieser Erzählerinnen – eine dunkelhaarige Frau mit Brille, ihr werdet sie sofort erkennen – hat es mir hier angetan. Sie erzählt selbstironisch und mit für einen solchen Film recht, ähm, direkten Worten von ihrem ganz persönlichen Reinfall, der verdächtig nah ans Stalking grenzt. Zum brüllen komisch!
Prädikat: sehenswert, wenn man den französischen Stils mag; 8 von 10
Schnuckelfaktor: zwei faszinierend anzusehende Individuen – zu wenig Interaktion für mich, deshalb 7 von 10
Den Trailer findet ihr HIER … wer Lust hat – den Film gibt es mittlerweile als DVD auf Amazon
Violet Tendencies
DER Pflichtfilm für FagHags war es schließlich, der den Ausschlag gegeben hat, dass ich mir Zugticket und Hotelzimmer reserviert hab und nach München gepilgert bin. Und er war es wert!
Violet ist die Letzte ihrer Art – 40, von schönen, liebenswerten & charmanten Männern umzingelt, mit Aufmerksamkeit überschüttet, gar aufrichtig geliebt – aber dennoch Single. Ihr Kollege Riley lebt schließlich schon in langjähriger Beziehung mit dem Schriftsteller Markus und sieht sich mit einer Familienplanung konfrontiert, die er nie erwartet hätte. GoGo-Tänzer Zeus, scheut offenbar wegen seiner HIV-Infektion zu nahe Kontakte. Und Mitbewohner Luke vögelt sich durch die New Yorker Gay Community, statt seinem Bettgenossen Darian zu gestehen, dass er ihn liebt. Die Männer sind sich schnell einig: ein Fag Stag muss her. Doch gibt es dieses Fabelwesen, den heterosexuellen Mann, der die Gesellschaft und Nähe der Gays sucht, wirklich? Sollte Violet nicht doch den Spatz in der Hand, in Form des kauzigen Architekten Vern, nehmen?
Sex and the City auf faghagisch … in bester Großstadtmärchenmanier begleiten wir die Bande auf dem Weg ins Glück, bekommen lebensnahe Themen wohl aller New Yorker leicht verdaulich aufbereitet, genießen gut hörbaren Soundtrack und sabbern wegen des Schnuckelfaktors – 20 von 10!
Prädikat: der neue Pflichtfilm – macht gute Laune von Anfang bis Ende… leider quietscht es sich im Kino so schlecht
Ja, der Film hält absolut, was der Trailer verspricht… und ihr könnt ihn sogar auf iTunes kaufen.
CIBRÂIL
Dieser Film hat mich wirklich beschäftigt – seit dem Abspann hat es mich in den Fingern gejuckt und kaum hatte ich das Skizzenbuch ausgepackt, wusste ich nicht, wo ich anfangen sollte. Der Film – eine Low Budget Produktion – hatte in München am VERZAUBERT Premiere und ist auch zum renommierten Turiner GLBT Film Festival geladen. Die Erwartungen sind entsprechend hoch – wurden sie erfüllt. Na schaun wir mal.
Tor Iben erzählt hier auf ungewöhnliche Weise die Geschichte Cibrâils, eines Berliner Streifenpolizisten mit türkischer Abstammung. Schlaflos in Berlin – das könnte für mich der Untertitel sein, denn der Protagonist schläft schlecht und läuft sich frühmorgens die Rastlosigkeit heraus. Als der Cousin seiner Freundin aus Rom zu Besuch kommt, bekommen wir (und auch er) eine Ahnung, woher diese Unruhe stammen mag. Wir leben Cibrâils Kampf mit, seine Untentschlossenheit, seine Annäherung mit Marco, seine unbeholfenen, gar risikoreichen ersten Erfahrungen – und könnten mit ihm heulen, wenn’s nicht phasenweise so unfreiwillig (?) komisch wäre.
Cibrâil ist ein Film abseits gestelzter französischer Dialoge und amerikanischer Weichzeichner. Er ist nicht glatt – roh kommt er in seiner Machart daher, wie das Leben selbst. Und ohne Make Up kommt er aus, dafür besticht er mit außergewöhnlichen Perspektiven und liebenswerten Charakteren. Leider lässt er ein eigenes Tempo vermissen, wirkt ein wenig unrhythmisch, entwickelt die Geschichte mal zu langsam und dann viel zu schnell für meinen Geschmack.
Merkt man etwas vom niedrigen Budget? Und wie!
Stört es? Kein bisschen!
Cibrâil ist ein Film, wie ich nie gedacht hätte ihn jemals anzusehen – und nun hat er mich VERZAUBERT. Das Lächeln bekam ich lange nicht mehr aus dem Gesicht.
Prädikat: Ganz anders und dadurch so unheimlich sehenswert – 9,5 von 10
Schnuckelfaktor: nicht klassisch, aber Charaktere die sich ins Herz schleichen – 8 von 10
Leider ist der Film noch nicht erhältlich – wer interessiert ist, sollte den Blog des Filmemachers im Auge behalten: www.toriben.blog.de
Brotherhood
WOW – diese dänische Produktion hat mich umgehauen – am letzten Abend begann ich doch tatsächlich im Kino zu heulen. Nicht umsonst gewann Brotherhood im Jahr 2009 das Rome Film Festival.
Nach seiner Entlassung aus der Armee stolpert Lars in eine Gruppe NeoNazis und fällt auf Grund seiner direkten, intelligenten und eloquenten Art rasch die Karriereleiter hoch. Der Skinhead Jimmy steht dieser Blitzkarriere wohl am offensten kritisch gegenüber – ausgerechnet er soll aber „den Neuen“ zur lebenslangen Mitgliedschaft coachen. Während sie zu zweit in der Einsamkeit eines Sees ein Haus reparieren, wird aus Abneigung Akzeptanz, Bewunderung, Freundschaft – und schließlich überraschende Leidenschaft. Hat diese Zuneigung Platz in der ultranationalen Gruppe?
Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so gefühlvolle und intensive Liebesszenen, wie in Brotherhood, gesehen habe. Gerade der Kontrast zur schonungslos blutigen, rohen Gewalt schneidet ein. Ins Herz, aber auch in die Gedanken. Die Schauspieler überzeugen in diesem Wechselbad scheinbar mühelos. Erzähltempo, Stil, Charaktere – hier wird eine starke Geschichte mit wirklich beeindruckenden Bildern – nicht nur für FagHags und Freunde des QueerMovies – erzählt.
Für mich ist Brotherhood die Überraschung des Festivals gewesen – und dabei hätte ich ihn fast zu Gunsten der Heimreise geschwänzt. Die beste Entscheidung war zu bleiben. Der Film ist stark, brutal, roh und kalt – in der nächsten Sekunde erzeugt er durch simple Bilder Wärme oder entfacht ein Feuer, wo man nie auch nur einen Funken vermuten würde. Darüber hinaus ist er spannend bis zur letzten Sekunde, nicht durchschaubar – und nie verherrlichend, pathetisch oder wirkt künstlich. Er IST einfach – und für mich ist er ganz groß.
Bestellbar über Moviesunlimited
Nach drei Tagen München, einem Marathon der Stadtbesichtigung und 366 Minuten in Kinosälen kann ich ein den Besuch eines Queer-Film-Festival nur empfehlen. Ich konnte München auf eine ganz besondere Art kennenlernen – der Schnuckelfaktor war nicht nur OnScreen unglaublich hoch! *zwinker* Probiert es auch – VERZAUBERT läuft dieses Wochenende in Köln und Frankfurt und ist wieder für November geplant. Viele deutsche Städte haben ihr eigenes Festival – und im Juni haben wir sogar eines in Wien *quiiietsch*. Für mich wird es sicher nicht das letzte Mal gewesen sein.
Zu guter Letzt möchte ich mich ganz besonders herzlich beim Team der City-Kinos in München bedanken – dafür, dass sie mir durch ihre unbürokratische Kartenreservierung ein verzaubertes Wochenende ermöglicht haben!!! Ihr seid zauberhaft!
Psst noch ein letzter Tipp: MONGAY – Jeden Montag gibt’s im Atelier-Kino schwul-lesbisches Kultkino ab 21 Uhr. … Informiert Euch doch HIER über das Programm, wenn Ihr in der Nähe sein werdet, es lohnt sicher




Vielen Dank für Deinen Bericht…das klingt alles sehr vielversprechend.