Couchgeflüster: A Single Man

Endlich! Die Arbeitswoche ist vorbei und ich weiß ja nicht, wie’s Euch geht, aber ich freue mich auf einen gemütlichen Abend auf meiner heißgeliebten Couch – mit Popcorn, einem Glas Wein und einem tollen FagHag-tauglichen Filmchen am Flachbildschirm. Was ich Euch empfehlen kann, fragt Ihr? Was ich mir gar anschaue, wollt Ihr wissen?

*tataaaaaaaaa*
dann bitte ich um Trommelwirbel für

A Single Man

Schnell wird dem Zuseher klar: Wir begleiten hier den Literaturprofessor George Falconer an seinem designierten letzten Tag. Wie in den letzten acht Monaten auch, legt George morgens seine Rüstung aus Haltung, Stil und Eleganz in Form von Hemd, Anzug und Manschettenknöpfen an. Eine Hülle – denn innerlich trauert George in fast jedem Moment des Tages um seinen geliebten Partner Jim, den er, vor eben jenen acht Monaten, bei einem Autounfall verloren hat.

Nach einer von Albträumen geplagten Nacht, hinterlässt er morgens seiner Haushälterin geordnete Papiere und eine Prämie im Tiefkühlschrank, nimmt geheuchelte Freundlichkeiten der Nachbarn entgegen und stellt sich am Campus seiner Universität äußerst geduldig, aber keineswegs unberührt, seinen Studenten.

Seine Lebensfreundin Charly ist und hat von allem ein bisschen zu viel – zu viel Theatralik, zu viel MakeUp und zu viel Alkohol – aber sie ist eine von wenigen, die seltene Momente des Lichts in Georges Leben bringen. Leider nicht genug Licht… und dass sie irgendwann zwischendurch Georges und Jims Beziehung als „Ersatz für eine richtige“ bezeichnet, macht sie mir schlichtweg unsympathisch.

Der Tag ist fast zu Ende, als George in einer Bar einen seiner Studenten trifft. Einen Jungen, der der geneigten FagHag bereits am Morgen aufgefallen ist – neugierig, unschuldig, offensichtlich in Sorge und noch offensichtlicher seinem Literaturprofessor sehr zugeneigt. Ein herrlich unbeschwerter, bemühter, liebenswerter Charakter – der sich sofort in mein Herz geschlichen hat. Wohl nicht nur in meins, zeigt sich später doch, dass er ebenso dringend Hilfe benötigt wie George.

Dieser letzte Tag, seine Ereignisse und Begegnungen erleuchten Georges Leben immer wieder ein bisschen mehr und heller – doch wird es ausreichen, um seinen Entschluss umzustoßen? Wird George die Pistole in seiner Schreibtischschublade benutzen?

© imdb.com

Gucci goes Hollywood… so könnte man es bezeichnen, wenn der Mann, der das heruntergewirtschaftete Label in den 90ern aus dem finanziellen Ruin führte, sich Christopher Isherwoods Paraderomans für sein Kinoregiedebüt aussucht. Man kann nicht weniger erwarten, als dass Tom den Hauptdarsteller Colin Firth in perfekt sitzende weiße Hemden und umwerfende Anzüge steckt. Aber kann man mehr erwarten?

Und da ist die Antwort ganz einfach: Kann man – Soll man, absolut!

Allein das Haus ist ein Sinnbild für Georges Leben – er kann von innen heraus alles beobachten, verspiegelte Fenster lassen aber nicht zu, dass man von draußen herein sehen kann. Und Mr. Ford lässt weiterhin Bilder sprechen. Grandiose Bilder. Der über Georges Tag liegende Graufilter vermittelt dem Zuschauer in wunderbarer Weise diese besondere Form der Trauer – ruhig, hintergründig, aber existenziell. Die lebenswerten Momente, kleine Funken Glück im Alltag, hebt er mit sonnigen Filtern hervor – und öffnet mir damit das Herz.

Roman und Film, in großen Teilen unterschiedlich, spielen beide in den 60er Jahren und behandeln das Thema Homosexualität dafür äußerst unerwartet selbstverständlich und nebenbei – gleichzeitig aber keinesfalls beschönigt. Der Film (wie auch das Buch) will als Liebesgeschichte verstanden werden – das Gefühl der ausweglosen Trauer und der Anstrengungen des Weiterlebens vermitteln. Am Rande piekt er mit winzig kleinen Nadelstichen sehr treffsicher ins Schwarze und zeigt, dass, wenn auch die Gesellschaft diese Trauer, diese Gefühle nicht versteht, nicht akzeptiert, sie nicht minder zerstörerisch im Inneren des Hinterbliebenen wütet.

„A Single Man“, übrigens eine Low-Budget-Produktion, lebt von Kunstgriffen wie Filtern, Schnitten, Metaphern und von ganz großen Schauspielleistungen – ganz zu Recht belohnt mit dem BAFTA und dem Venediger Löwen, für Globe und Oscar leider nur nominiert. Für mich ist er unheimlich großes Kino und nicht nur für den FagHag’schen Filmabend empfehlenswert. Wer Quietschen möchte, ist hier falsch – wer aber einen großen Kinofilm sehen möchte, in dem der Hauptdarsteller „zufällig“ schwul ist – der schnappe sich seinen Schatz oder Freunde und lasse sich entführen ins Amerika der 60er und in ein Leben, in dem Licht und Freude langsam Schatten und Trauer ablösen…