Ja, ich war mal wieder im Kino und wie Love bereits angekündigt hat, kommt hier jetzt auch die Kritik zum Film des frischgebackenen Oscarpreisträgers. Zu allererst muss ich eins zugeben. Ich hatte, bevor ich von diesem Film erfahren habe, noch nie etwas von Harvey Milk gehört und das war definitiv eine Bildungslücke. Umso schöner, dass es jetzt so einfach und kurzweilig war, diese Bildungslücke zu schließen.
Um es vorweg zu nehmen, Sean Penn hat den Oscar für die beste männliche Hauptrolle wirklich total verdient. Während des Films hatte ich zwar ein paar Mal den Gedanken, ob er es mit der Gestik nicht vielleicht ein wenig übertrieben hat, aber als dann am Ende ein kurzer Einspieler vom echten Harvey Milk gezeigt wurde, war klar, dass Sean Penn ihn wirklich perfekt kopiert hat, ohne dabei aufgesetzt zu wirken. Das war richtig geniale Schauspielarbeit und ich bin angemessen beeindruckt. Aber nicht nur Sean Penn hat höchstes Lob verdient; alle Akteure haben mich überzeugt und das geht mir eigentlich selten so. Besonders genannt sei hier noch Josh Brolin, der die Rolle des verklemmten, irisch-katholischen Stadtrats Dan White wirklich überzeugend rüber gebracht hat. Hach, ich liebe es, guten Schauspielern bei der Arbeit zuzugucken. Aber jetzt mal zum Inhalt.
Der Film beginnt im Jahr 1970 an Milks 40. Geburtstag, als er und sein Lebensgefährte Scott beschließen, nach San Francisco zu ziehen, und verfolgt seine Lebensgeschichte bis zu seinem gewaltsamen Tod im Jahre 1978. Bis dahin hat er sein Leben mit Lebensversicherungen verdient und sich ansonsten eher unscheinbar verhalten. Nach dem Umzug nach San Francisco ändert sich das allerdings schrittweise und er setzt sich mehr und mehr für die Bürgerrechte der Homosexuellen ein, die er tagtäglich mit den Füßen getreten sieht, bis er schließlich nach mehreren fehlgeschlagen Versuchen im Jahre 1977 zum Stadtrat gewählt wird. Das Hauptaugenmerk des Films liegt darauf, die Wandlung von Harvey Milk darzustellen, der zuerst komplett unpolitisch war, dann aber aufgestanden ist, für seine Überzeugung gekämpft hat und zum Schluss ein Politiker durch und durch geworden ist. Diesen Kampf hat er dann auch so leidenschaftlich geführt, dass er darüber auch das Ende seiner langjährigen Beziehung zu Scott in Kauf nahm, der dieses Leben nicht mehr länger mit leben konnte. Interessanterweise war es Harvey Milk selber, der das Material für diesen Teil seiner Lebensgeschichte geliefert hat, als er sich kurz vor seiner Ermordung in seine Küche gesetzt und seine Biographie auf Band gesprochen hat. Er hat der Veröffentlichung dieser Bänder im Falle seines gewaltsamen Todes ausdrücklich zugestimmt und hatte auch allen Grund einen Überfall zu befürchten. Denn von Beginn seines politischen Lebens an, ist er mit Morddrohungen konfrontiert worden. Wer eine komplette Inhaltsangabe zum Film lesen möchte, dem sei diese hier http://kino-zeit.de/filme/milk empfohlen. Der Film ist aber auch etwas für das romantische Herz, denn auch das hat in diesen Jahren zum Leben von Harvey Milk gehört. Erwartet jetzt aber keine Herzchen und rosa Schleifen, dann werdet ihr enttäuscht. Doch genau das hat für mich den Reiz dieser Liebe ausgemacht, die – wie schon erwähnt – leider vorzeitig traurig endet. Aber in jeder Szene zwischen Harvey und Scott war die Verbundenheit zwischen ihnen deutlich zu spüren und als sie an Scotts Geburtstag herum gealbert haben, da konnte ich gar nicht anders als mich einfach nur mitzufreuen. Auf der anderen Seite hat mich ein Telefonat zwischen den Beiden, das fast unmittelbar vor Harveys Ermordung stattgefunden hat, fast zu Tränen gerührt. Ob diese Szenen so auch in echt stattgefunden haben, weiß ich nicht. Aber nachdem Regisseur Gus van Sant offensichtlich sehr viel Wert auf geschichtliche Genauigkeit gelegt hat, glaube ich gerne, dass er auch in diesem Bereich akribisch recherchiert hat.
Dennoch ist ‚Milk’ alles andere als leichte Kost. Als zum Beispiel ein homosexueller Mann auf offener Straße mit unzähligen Messerstichen tot aufgefunden wird und der einzelne Polizist, der mit der Aufklärung betraut wurde, dessen Lebensgefährten abschätzig als „Freier” bezeichnet, der dann auch gleich als mutmaßlicher Mörder abgestempelt wird, dann sind das immer wieder schwere Brocken, die man als Zuschauer zu schlucken bekommt. Durchbrochen wird das Ganze aber immer wieder durch Harvey Milks Sinn für Humor und Selbstironie, so dass es auch genug zu schmunzeln oder sogar zu lachen gibt. Trotzdem habe ich am Ende erst mal einige Zeit gebraucht, um meine Gedanken zu sortieren, bevor ich in der Lage gewesen bin, über das Gesehene zu sprechen. Mir ging es da offenbar nicht alleine so, denn ich habe selten einen Film erlebt, bei dem es beim Abspann so nachdenklich still im Kino gewesen ist.
Als Fazit kann ich ziehen, dass der Film absolut sehenswert ist und sich sehr angenehm vom üblichen Hollywood-Einerlei abhebt. Harvey Milk ist zwar ganz bestimmt kein Heiliger gewesen, sondern ein ganz gewöhnlicher Mann mit Ecken und Kanten – aber er hat Spuren hinterlassen und das Leben vieler Menschen nachhaltig beeinflusst. An seinem 40. Geburtstag hat er sich beklagt, dass er noch nichts gemacht hätte, auf das er stolz sein könne. Zumindest das hat er in den darauf folgenden Jahren ändern können.
(by AN)




